Fremden über Autismus erzählen?!

Ich stehe vor dem Dilemma, dass ich nächstes Jahr mal für ein paar Monate als Freiwillige wo bin. Mir ist klar, dass ich den Leuten vor Ort irgendwas zu Autismus erklären muss. Aber welches Vorwissen bringen die mit? Die Wahrscheinlichkeit ist ziemlich hoch, dass es entweder vor allem Klischees oder gar nichts ist. Wie gehe ich damit um? Zwei Ideen:

  1. Die Diagnose im medizinischen Fragebogen erwähnen und auf die Intense-World-Theorie verweisen
  2. Die Diagnose nicht erwähnen und selber einige Erklärungen verfassen, wie mit gewissen Situationen umzugehen ist.

Ziel muss sein, dass die Leute ein möglichst zutreffendes Bild von mir haben. Es soll nach Möglichkeit für die keine unangenehmen Überraschungen geben. Was ist praxistauglicher?Und: Was kommt bei den Leuten dort an? Ich empfinde mich nicht als krank – und nicht zwangsläufig als behindert. Fremd sind da schließlich erstmal alle Freiwilligen im Land und untereinander. Eine wirkliche Gefahr ist vielleicht, dass englische Muttersprachler vergessen, dass es für alle anderen eine Fremdsprache ist. Eine andere ist, in eine ziemlich homogene Gruppe zu geraten, in der die Gepflogenheiten des gemeinsamen Herkunftslandes der anderen gelten und nicht die des Gastlandes (über die ich mich schon ausführlich informiert habe). Wenn das zu sehr abweicht von dem, was ich erwartet habe, dann habe ich ein Problem. Ist beides aber eliminiert, gibt es so viel oder wenig Probleme wie sonst auch. Es läuft also im Idealfall bestens.

Was sie vielleicht wissen sollten: In einem Overload macht auf mich einreden alles nur noch schlimmer. Wichtige Informationen am besten schriftlich und nicht zwischen Tür und Angel. Gelegenheiten, mich akut zurückzuziehen (für 5 bis 10 Minuten in ein anderes Zimmer gehen reicht oft schon). Außerdem werde ich wohl nicht durchgehend Kinder oder Gäste betreuen müssen. Es sollte noch genügend andere Aufgaben geben (im Garten, im Stall, auf dem Feld, in der Hauswirtschaft). Komplett fernhalten muss man mich aber nicht davon. Die Ausbildungszeit im Internat habe ich auch irgendwie überlebt. Handwerklich war ich immer miserabel. Ziemlich viele Dinge sind für mich eine begrenzte Zeit durchaus machbar – oder nur hin und wieder einmal. Schließlich bin ich dort ohnehin nur eine befristete Zeit. Ich kann und will dort nicht für immer bleiben (auch aus Gründen, die mit Autismus nichts zu tun haben).

Noch ein schlecht planbarer Störfaktor: Die Sicherheitslage in einem bestimmten Landesteil. Ich hoffe jetzt einfach mal, dass die in den nächsten 9 Monaten nicht explodiert… Hoffen ist gut. Denn eskalieren kann es jederzeit, besonders nach den Ereignissen der letzten 9 Monate. Obwohl ich das jetzt schon weiß, mache ich es trotzdem. Schließlich muss ich da nicht landen. Und selbst wenn: Ich werde es irgendwie überleben. Außerdem zerren Raketen und Branddrachen nicht nur an meinen Nerven – lieber Gott, lass die betreffenden Gemeinden davon möglichst lange verschont bleiben. Amen. Und in Bezug auf eine andere Bedrohung wird sich in den nächsten 40 Jahren weisen, dass sich der Premierminister (so wenig ich sonst von ihm halte) nicht umsonst den Mund fusslig geredet hat…

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Philosophie über den Gottesnamen

Immer mal wieder grüble ich darüber, was das wohl heißen könnte: JHWH. Die Herleitung vom Verb „sein“ klingt für mich nicht so verkehrt. Tatsächlich sind häufige Übersetzungen „Ich werde sein.“ oder „Ich bin da.“ Sein – das kann heißen: existieren, vorhanden sein, lebendig sein. Im Deutschen, in den romanischen Sprachen, im Englischen ist „sein“ ein Verb, das je nach Person und Zeitform komplett unterschiedliche Formen hat. Es verändert sich von allen Verben am stärksten. Das könnte man auch übertragen: Sein ist immer auch Veränderung, Aktivität. Es ist Bewegung und nichts statisches. Es ist überall. Trotzdem ist es nicht wirklich greifbar, sehr abstrakt. Es ist eine Aussage über sich selbst, eine Identifikation. Wenn man den Gottesnamen verneint, hieße das auch: man verneint die Lebendigkeit, bedeutet es eine leblose Wüste und Dunkelheit. Gott und Leben gehören zusammen. Das Leben ist ein Wunder. Gleichzeitig werden wir das letzte Geheimnis des Lebens nie ergründen, obschon die Wissenschaft eine Menge herauszufinden vermag. Und manchmal erscheint es mir umso mehr ein Wunder, je mehr ich darüber weiß. Es ist perfekt, aber es entscheiden Kleinigkeiten über den Erfolg. Das Wunder besteht darin, dass in diesem komplizierten System namens Leben nicht noch öfter etwas schiefgeht und in seiner enormen Anpassungsfähigkeit und seiner Vielgestaltigkeit.

Und irgendwie macht all das Gott auch aus: Er ist immer, überall, vielgestaltig, lebendig, in Bewegung, ewig, im allertiefsten Grund letzten Endes nie komplett zu erfassen. Und doch ist er der Herr der Geschichte, ohne den nichts sein kann, durch den alles existiert. In Gott ist Leben. Er sprengt alle Begrifflichkeit, bleibt für den menschlichen Verstand genau wie das kleine Wörtchen „sein“ abstrakt. Und vielleicht ist eben dieses nicht rational zu erfassende, das sich mit dem Wort „Gott“ verbindet, mit dem viele Menschen Probleme haben.

Der Gottesname ist so ein kurzes Wort. Aber in ihm steckt eine ganze Welt – oder sogar mehrere. Mir ist das dann doch bisweilen ein paar Nummern zu groß. Und trotzdem: Er ist für mich die Quelle des Lebens. Punkt.

Was ist Identität?

Zuletzt habe ich darüber nachgedacht, was einen Menschen ausmacht.

Was macht jemanden zum Deutschen, Franzosen, Syrer, Chinesen oder Angehörigen eines wie auch immer gearteten Volks? Traditionen, Sitten, Bräuche, eine bestimmte Religion? Wie sehr bestimmt das einen Menschen? Fest steht, dass sich die kulturelle Identität im Vorschulalter herausbildet und jemand lebenslang prägt. Das geht auch im Erwachsenenalter nie ganz weg. Andererseits ist der Mensch auch sehr anpassungsfähig. Schon innerhalb Deutschlands finde ich die regionalen Unterschiede enorm. Da frage ich mich: Was ist dann „deutsch“? Die Zustimmung zum Grundgesetz, die gemeinsame Rechtsordnung, die gemeinsame Standardsprache, eine politische Willensgemeinschaft, eine geteilte Geschichte, geteilte Erfahrungen. Außerdem ein recht genau definierter geografischer Raum, ein Wirtschaftsraum. Gleichzeitig ein Gebiet, das in viele kleine Einheiten zerfällt, die andererseits aber kaum ohne die Nachbarregion auskommen.

Ein nicht minder starkes Band zwischen Menschen sind Wertesysteme, Tugenden und Moral. Was ist noch in Ordnung, was schon ein Frevel? Religion hat die Macht, die Abläufe in größeren Gemeinschaften, Gesellschaften zu synchronisieren. An gewissen Tagen haben alle frei. Sie bieten ein gemeinsames Narrativ, ein kollektives Gedächtnis. Sie kann wahlweise die Gesellschaft einen oder sie in mehrere sich bekämpfende Gruppen spalten.

Jeder hat eine eigene Meinung. Es ist eine Binsenweisheit, dass man gerne mit Leuten in Kontakt tritt, die ähnliche Ansichten haben. Jeder hat unterschiedliche Interessengebiete. Man hat einen bestimmten Beruf und bestenfalls eine Arbeit, wo man das Leitbild des Arbeitgebers vertritt. Oder jemand sucht sich einen Verein, um Gleichgesinnte zu treffen.

Dann ist jeder auch Sohn/Tochter, Bruder/Schwester, Mutter/Vater, mit Menschen verwandt, ob man sie mag oder nicht. Man braucht sie. Bisweilen sind es jene Menschen, die man am meisten zum Teufel wünscht. Nirgendwo kann man sich so sehr gegenseitig verletzen. Genauso ist sie die Quelle des größten Glücks. Manche Familie hat sehr belastende Geheimnisse, mit denen schwer umzugehen ist.

Man ist ein Mensch mit unterschiedlichen Bedürfnissen. Ob jemand Hilfsmittel, Medikamente, eine Therapie oder Assistenz benötigt, eine spezielle Ernährung einhalten muss oder anderweitig Beeinträchtigungen hat und seit wann diese bestehen, soziale Kontakte.

Nicht zuletzt determiniert einen die Biologie als männlich, weiblich, Zwitter oder was auch immer. Du bist groß, klein, stark oder schwach, hast eine bestimmte Form von Nase, Ohren, Augen, Mund, eine bestimmte Farbe der Haut, der Augen, der Haare, der Lippen. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Jeder hat andere Fähigkeiten und Schwächen. Jeder Lebenslauf und jede Persönlichkeit ist einzigartig.

Wenn man länger darüber nachdenkt, finden sich zwischen zwei Menschen immer Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Was überwiegt, ist Ansichtssache. Und es gibt sehr viele Dinge, die einen Menschen ausmachen. Es ist grundfalsch jemanden auf nur ein oder wenige Merkmale (nämlich die offensichtlichsten) zu reduzieren. Nur genau das passiert uns allen gefühlt ständig. Es ist anstrengend, gegen die eigenen Vorurteile anzukämpfen. Wenn es gelingt, kann man sehr angenehm überrascht werden.

Fremdsein?!

Heute war der zweite Gottesdienst zum diesjährigen Allianz-Thema. Zu beiden war ich gewesen. Und sie lassen mich nachdenklich zurück.

Der erste hatte als Aufhänger einen Bericht von einem Studienjahr in Israel. Wenn der gewohnte Wochentakt mit dem dort üblichen kollidiert (Dort ist der Sonntag unser Montag). Sie hat den Konflikt um den Tempelberg mitbekommen. Sie hat registriert, dass das Christentum dort in die Rubrik „Ferner liefen“ fällt. Wenn für hebräische Wörter die Entsprechung in den Muttersprachen der Kursteilnehmer abgefragt wurden, wurde Deutsch nicht automatisch abgefragt. Sie musste sich melden. Und dennoch: Nach einem Jahr hat sich dort durchaus wohlgefühlt. Aber sie fand es auch eine komische Vorstellung für sich, mitten unter Gottes auserwähltem Volk (ja, so hat sie es tatsächlich ausgedrückt!) dauerhaft zu wohnen. Wie ich mich wohl fühlen würde? Auf der einen Seite fasziniert es mich ja schon. Auf der anderen Seite kann ich kaum ermessen, inwiefern ich mich einrichten könnte, ob ich mich dort so wohlfühlen würde, dass ich für immer bleibe. Man müsste es ausprobieren. Ich gebe zu, dass mich im Moment noch ein gewisses Befremden bei Juden befällt. Was aber wäre, wenn ich regelmäßigen Kontakt hätte? Was wäre, wenn ich mehr Kontakte zu Flüchtlingen oder zu Muslimen hätte? Im Moment und auch nur sporadisch ist in puncto letzterem die Dönerbude an der Ecke mein einziger ernstzunehmender Kontakt. Flüchtlinge: Da war seit längerem kein Kontakt mehr. Das Begegnungscafé, das mir einmal einen Zugang verschaffte: Ich weiß nicht recht, was daraus geworden ist.

Der zweite Gottesdienst hatte als Aufhänger einen Bericht über Projekte in Tansania. Zur Lutherischen Kirche dort unterhält unsere Landeskirche eine Partnerschaft. Da fand ich mich auch irgendwie sofort wieder: sich Namen und Gesichter zu merken ist nicht so einfach. Und es wird viel gesungen – auswendig. Gratis dazu gab es ein paar Gesangseinlagen. Die Meldodien kannte ich von irgendwo her, aber die Texte waren auf Suaheli. Singend Beten als doppeltes Beten: Das unterschreib ich so. Dass dort der Glaube gleichbedeutend mit Leben ist, ist ein großer Gegensatz zu hierzulande. Hier ist in evangelischen Kreisen ein prunkvolles Bischofsornat eher unüblich, in Tansania aber normal. Dort sind weiße Talare normal, hier aber schwarze. Hier sind die Gottesdienste leer, dort aber voll (und wehe, jemand kommt nicht zum Gottesdienst) und gerne mal länger als hier. Ich brauche 15 Minuten zum Gottesdienst. In Tansania läuft man leicht einmal 1,5 Stunden zum Gottesdienst. Diese Fröhlichkeit unter widrigen Umständen. Die Selbstverständlichkeit des Glaubens. Überhaupt ist sehr viel anders als hier. Dorthin ziehen für längere Zeit möchte ich aber nicht unbedingt.

Außerdem gab es einen Artikel irgendwo darüber, was Heimat ist. Ein Gedanke geht mir nicht mehr aus dem Kopf: Wo deine Heimat ist, merkst du erst dann, wenn du mal irgendwo in der Fremde bist. Das ist der Ort, wo du weißt, wo es lang geht. Das ist das vertraute Rechtssystem. Das sind bekannte soziale Konventionen und Normen. Das ist die bekannte Toleranzgrenze der Mitmenschen. Das sind Lieblingsplätze und Freundschaften. Das sind Verwandte. Dass Heimat auch mehr sein kann als nur mein kleiner Kiez. Ein Mensch kann verschiedene Identitäten haben, sich in verschiedenen Umfeldern heimisch fühlen. Ich kann Bürger meines Ortes, meines Kreises, meines Bundeslandes sein. Ich kann Deutsche sein und Europäerin. Ich kann Christin oder einfach eine gläubige Person sein. Und ich kann sagen: Ja, das bin alles ich, je nach Situation. Ich bin verwurzelt und doch weltoffen. So eine Haltung bräuchten wir wohl öfter.

Fremdsein im eigenen Land. Dieses Gefühl nicht dazu zu gehören. Es ist die Neigung, Menschen nur allzu schnell allein deshalb auszuschließen, weil sie nicht einer gewissen Erwartungshaltung entsprechen. Wenn Vorurteile mächtig sind. Mir macht es große Sorgen, dass eine Abwehrhaltung gegen alles Fremde sich immer weiter ausbreitet. Es werden zu viele Abscheulichkeiten sagbar. Geschichtsrevisionismus greift um sich. Antisemitismus erscheint als Problem der anderen. Die Wahrheit ist: Der typische Antisemit ist kein Flüchtling oder Ausländer, sondern der Deutsche, der mit mir in derselben Stadt wohnt und AfD wählt. Wohlbemerkt: Bei uns im Kreis war das Ergebnis der AfD bei etwas um die 20 %! Der Auftritt von Björn Höcke im vergangenen Dezember war gut besucht! Dieses Unbehagen rührt auch daher, dass ich mich in der jüngeren Geschichte vergleichsweise gut auskenne. Die Assoziationen sind grauenhaft. Ich brauche keinen Horrorfilm. Die Nachrichten reichen vollkommen.

Fremd sein in der französischen Partnerstadt. Ja, du bist die Deutsche. Du wirst als Gast empfangen. Du spürst sehr deutlich, dass die Menschen hier anders ticken als bei dir zu Hause. Die Sprache: Die habe ich inzwischen etwas gelernt. Die Stadt kenne ich von einem vorangegangenen Besuch. Es ist also schon zu einem gewissen Grad vertraut. Dennoch bin ich nur zu Besuch – wenngleich bei Freunden. Sicher kann ich mich jetzt besser darauf einstellen. Trotzdem werde ich mich nie im selben Maße dort heimisch fühlen wie hier.

Inzwischen war ich schon an vielen Orten in Deutschland. Die Orte, an denen ich mich wohl fühle, wo ich heimisch bin oder werden könnte, kann ich an einer Hand abzählen. Außer meinem Wohnort die Landeshauptstadt Erfurt und Leipzig. In Erfurt war ich im vergangenen Jahr mehrfach – auch wegen des Landtags. In Leipzig habe ich einen Freund – lange Zeit der einzige etwa gleichaltrige. Mittlerweile ist an Gleichaltrigen die Junge Union dazugekommen. Diese neuen Kontakte binden mich an meine Heimatregion. Schließlich habe ich gerade die anfängliche Phase des Fremdelns zumindest größtenteils überwunden. Es war ein Jahr voller neuer Gesichter. Die, die ich am zuverlässigsten erkenne, sind de facto die etablierten Politiker. Wen wundert’s. Schließlich tauchen sie regelmäßig im Fernsehen und in der Zeitung auf. Inzwischen weiß ich ungefähr, wie die typischen Gremiensitzungen ablaufen. Andrerseits habe ich noch immer nur eine sehr grobe Vorstellung davon, wer mit wem alles zusammenarbeitet und wie alles zusammengehört, wen man ansprechen kann, wie man etwas bewegen kann. Es reicht nicht, um wirklich mehr als nur Ideengeber zu sein. Wünsche und Anliegen hätte ich ja durchaus viele. Hoffentlich ändert sich das noch irgendwann.

Wo bin ich noch zu Hause, wenn sich vieles ändert? Weil etablierte Strukturen nicht mehr tragen, weil gerade erst begonnenes noch wachsen muss, weil die Welt um uns herum sich dramatisch ändert, weil Krisen irgendwo auf der Welt auch hier bei mir ankommen, weil Gewissheiten bröckeln. Wo führt das alles hin? Ich fühle mich in dieser Welt nur noch bedingt heimisch. Meine Heimat passt zunehmend zwischen zwei Buchdeckel. Wie war das gleich nochmal:

Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die Zukünftige suchen wir (aus dem Hebräerbrief).

So lässt sich mein Empfinden auf den Punkt bringen.

Zu kompliziert? Zu anstrengend?

Seit einiger Zeit halte ich gelegentlich die Fürbitten in der Gemeinde. Mit der Zeit bin ich sicherer geworden. Das hat jetzt einen Haken: Ich werde kreativer. Ich leiere nicht mehr einen Vortrag herunter, auf den alle nur noch mit „Amen“ antworten müssen. Ich fordere ein Mitdenken von den Gottesdienstbesuchern. Ich probiere neues aus. Der Klassiker mit Gebetsruf „Herr, erbarme dich“ ist mir zu wenig. Ideen hätte ich viele: andere Gebetsrufe gesprochen und gesungen aus verschiedenen Quellen, taugliche Liedtexte, eigene Dichtungen, als Wechselgebet, gregorianic style, mit und ohne Verarbeitung des Wochenpsalms, als Litanei, zur Konfiramtion die Konfirmanden mit einbeziehen. Nur einfach runterleiern kann ich nicht mehr.

Verschiedene Leute sagen dazu: Das merkt sich keiner, das bekommen die meisten nicht auf die Reihe, zu wenig eingängig, man muss dazu zu viel geistige Anstrengung aufbringen, die die meisten nicht übrig haben, bitte nicht ständig, bekommst doch mit, wenn Leute nicht folgen können (sorry, nur, wenn wirklich alle schweigen. Aber so lange noch irgendwer außer dem Kantor mitmacht …)

Hey, ich bin nur aller paar Wochen mal dran. Alle paar Wochen ist nicht das selbe wie jeden Gottesdienst. Wäre ich jeden Sonntag dran, würde ich mein Muster auch irgendwann wiederholen. Auf einen speziellen Anlass stelle ich mich schon ein. Bei einer Jubelkonfirmation empfinde ich es als Armutszeugnis, wenn man buchstäblich die komplette Ordnung abdrucken muss, weil die Herrschaften sich seit Jahren nicht mehr in den Gottesdienst bequemen, teils, obwohl sie könnten. Dazu gibt es heutzutage auch Fernsehgottesdienste. Einen Fernseher sollte jeder besitzen. Karfreitag heißt für mich, dass es ein besonderer Anlass ist, für den es auch ein besonderes Fürbittgebet sein darf. Mir ist schon klar, dass ich die Gemeinde vorwarnen muss, erklären muss, was sie zu tun hat. Es ist schließlich was besonderes. Und ich finde, dass ein Gottesdienst nicht dafür da ist, mich berieseln zu lassen. Dafür gehe ich ins Konzert. Ein guter Gottesdienst ist für mich einer, der mich in Gedanken noch eine Weile beschäftigt. Zum Singen gehe ich in den Chor. Außerdem kann ich zu jeder Zeit auch ein Lied anstimmen – einfach so. Es soll ein Unterschied sein zwischen einem persönlichen Gebet und dem Gebet im Gottesdienst – größer als die Lautstärke beim Beten. Wenn die Lautstärke der einzige Unterschied ist, muss ich mich darauf konzentrieren, laut genug zu sprechen. Sonst bin ich irgendwann zu leise für die meist älteren Leute. Ein Gottesdienst soll sich vom Alltag und von der Stunde auf dem Sofa unterscheiden. Er soll mit allen Elementen zu den Besuchern sprechen. Er soll der Raum sein für die Begegnung mit Gott.

Vielleicht ist dieses Verständnis von Gottesdienst ein Teil des Problems. Für mich kommt es nicht darauf an, eine immer gleiche Ordnung stets genau so abzuarbeiten. Ich empfinde es tatsächlich manchmal als Problem, genau zu wissen, dass nach dem „Ehr sei dem Vater“ das Kyrie kommt. Zur Predigt bin ich dann halb eingeschlafen. Viele andere bestehen eben auf den immer gleichen Ablauf, der so schön berechenbar ist. Und darauf, dass sie bei den Fürbitten nicht viel drüber nachdenken müssen. Und es gibt Leute, die beim Gottesdienst den Kopf ausschalten (wollen). Für letztere habe ich am wenigsten Verständnis. Bei Leuten um die achtzig kann ich noch verstehen, dass sie nicht mehr so umstellungsfähig sind, wenn das alles schon immer so war. Aber die sind nur ein Teil der Gemeinde. Andrerseits haue ich mit meiner Kreativität bei den Fürbitten ja nicht gleich die ganze Gottesdienstordnung um. So viel Anregung darf meiner Meinung nach sein, um geistig rege zu bleiben. Und wohl bemerkt: Es ist ein öffentlicher Gottesdienst der Kirchgemeinde und kein Gottesdienst im Altenheim, wo es viele demente Bewohner gibt. So jemand kommt nicht erst in den Gottesdienst in der Stadtkirche.

Vielleicht ist genau das ein Teil des Problems, weshalb immer weniger Leute in die Kirche kommen. Der Gottesdienst klebt an einem über Jahrzehnte und Jahrhunderte eingeübten Ritual, so dass er wirklich nur ein angestaubtes Ritual ist ohne Inhalt. Ich verlange nicht, dass der Gottesdienst plötzlich eine einzige hippe Party werden muss, oder dass der traditionelle Gottesdienst jetzt komplett ausgedient hätte. Sondern, dass man spürt: Da hat sich jemand Gedanken gemacht. Das ist ja genau auch ein häufiges Feedback, das ich bekomme. Die Leute merken, wenn du einfach nur vorgefertigtes runterleierst – und sie finden es nicht gut.

Es ist nicht gut, noch eine gefühlte Ewigkeit mit Vorbemerkungen zu verbringen. Das glaube ich unserem Kantor. Trotzdem kann er mir glauben, dass ich die Grenze kenne, ab der es definitiv für mal eben schnell einüben zu aufwendig ist – zumindest für Leute, die mitdenken wollen. Natürlich weiß ich auch, wann ich einen Zettel machen muss, weil sich das niemand alles auf einmal merken kann. Aber nur Dinge tun, die sich auch wirklich jeder noch sturzbesoffen merken kann, um sich die Arbeit mit dem Zettel zu sparen: Das ist nun wirklich ernsthaft Langeweile pur. Mindestens so langweilig wie mehrere mehr oder weniger inhaltsgleiche Reden, die ganz überwiegend nur aus Floskeln bestehen, direkt hintereinander. Etwas, das Konfirmationen, Amtseinführungen, Verabschiedungen, Einweihungen und Jubiläen so an sich haben. Das ist nach dem Eingangsteil gefühlt kein Gottesdienst, sondern ganz überwiegend Quatsche-Stunde. Die Amtshandlung an sich ist dann nicht mehr so lang. Bei der Verabschiedung unserer Pastorin war von den Vorträgen die Zusammenfassung des Superintendenten noch der interessanteste, spätestens danach hätte ich im Fernsehen für zehn Minuten weggeschaltet. Nach dieser langen Reihe Vorträge lag ich geistig brach. Das nenne ich anstrengend. Wenn ich zwischendurch etwas singen soll, ist es das gleich viel weniger. Außerdem: Wenn Anspruchsvolles berauscht, ist die Anstrengung und investierte Mühe nur halb so schlimm.

So viel zum Thema: Das merkt sich keiner, das bekommen die meisten nicht auf die Reihe, zu wenig eingängig, man muss dazu zu viel geistige Anstrengung aufbringen, die die meisten nicht übrig haben, bitte nicht ständig.

Wer definiert das? Und ist das ein für alle mal und für alle Zeiten fix festgelegt?

Vielleicht wäre mal eine Diskussion bei einem Gemeindeabend gut. Thema: Was erwarten wir von einem Gottesdienst? Mal sehen wie viel von den Einwänden am Ende übrig ist. Falls der nächste Einwand kommt, dass immer nur die selben kommen: Der größte Teil dieser Leute kommt regelmäßig zum Gottesdienst und zu Gemeindeabenden. Ja, es gibt sehr viele Leute die ich maximal zu den Feiertagen zu Gesicht bekomme. Da ist dann aber noch der harte Kern, der scheinbar bei allem und überall dabei ist, aus dem die regelmäßige Gottesdienstgemeinde großteils besteht. Die muss man mitnehmen. Wer eh nur dann und wann mal kommt, stellt sich darauf ein, dass er nicht alles auswendig weiß.

Im Grunde ist das eine Diskussion, die wir seit Jahresanfang in verschiedener Form führen (auch weil sich vieles verändern muss und verändert hat):

Wie viel Veränderung verträgt die Gemeinde? Wie viel Veränderung muss sie ertragen, weil sie nun mal unvermeidlich ist? Wie viel sollte verändert werden, weil zu vieles festgefahren ist? Wie viel muss erhalten bleiben, damit es noch wiedererkennbar bleibt? Wo verläuft die Grenze zwischen zumutbar, notwendig, wünschenswert und berechenbar konstant?

Dazu gibt es dann doch mehr verschiedene Ansichten als Personen …

Dieses Thema …

Dieses eine Thema geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Nicht, dass es mir ab meiner ersten Berührung jemals komplett egal gewesen wäre, aber eben ohne die Dominanz, die es derzeit hat. Es ist faszinierend … Viele Berichte habe ich darüber gesehen. Eine Welt voller (für mich zumindest) magischer Anziehungskraft. Ob das was mit den vielen Regeln zu tun hat? Die zu studieren lohnt sich ja wirklich sehr. Dieses Halbvertraute. Manches kenne ich. Andererseits ist da viel Unbekanntes. Menschen mit ihren Träumen, Hoffnungen, Wünschen, aber auch Sorgen und Ängsten. Bisweilen spüre ich eine gewisse Heiligkeit. An der Stelle des Gottesnamens „Jehova“ oder die vier Konsonanten zu schreiben ist für mich in einer Bibelübersetzung ein Unding, das mir körperliche Schmerzen bereitet. An diese Stelle gehört entweder das hebräische „Adonai“ oder deutsch „Herr“ in Kapitälchen!

Stehe ich jemandem von ihnen gegenüber, möchte ich ihnen nicht zu nahe treten. Ich möchte mit ihnen reden, von ihnen erfahren, wie sie denken, fühlen, handeln. Fürs erste Mal schaffe ich es aber nicht, mich wirklich zu unterhalten. Da ist die Schwelle gegenüber Christen anderer Konfession niedriger. Ich würde sie ja gern richtig kennenlernen. Da war wieder dieses Gefühl der Heiligkeit. Dieses, dass das Verhältnis zu meinen Gesprächspartnern ein spezielles ist. Diese rätselhafte Distanz und große Nähe zugleich. Anziehend und gleichzeitig auf einen respektvollen Abstand haltend.

Auf der einen Seite sauge ich alles auf, was an Dokumentationen, Berichten, Informationen zum Thema zu bekommen ist. Auf der anderen Seite dieses schwer zu beschreibende Gefühl, wenn ich sie anschaue oder lese. Wenn ich von Bedrohungen, Feindschaft höre oder lese, habe auch ich Angst. Ich bin nicht betroffen. Aber ich habe Angst um die, die sich wirklich fürchten müssen. Ich verstehe sie sehr gut, wenn einige lieber Deutschland verlassen wollen. Mir ist unheimlich, wenn sich jemand in Deutschland rassistisch äußert. Und ich frage mich, wie das wird, wenn genau das bei meinem Freiwilligendienst ein wesentlicher Inhalt ist – mich genau damit beschäftigen, mit Rassismus und seinen Folgen. Wie sehr es mich emotional mitnimmt.

Ich bin Deutsche. Ich gehöre nicht zum Volk Israel. Und doch bin ich mit ihnen als Schwester im Glauben verbunden. Eine Nähe so groß wie sonst nur zu meinem Freund und zu meinem Opa. Aber verwandt sind wir nicht. Die Verbindung ist eher eine geistliche. Und diese geistliche Verbindung hat wesentlich mehr Macht als die biologische Verwandtschaft. Das Verhältnis zu den meisten meiner Verwandten ist über selbige hinaus nämlich so gut wie nicht existent. Zu anderen Christen jedoch finde ich schnell einen Draht. Wohl überhaupt zu religiösen Menschen leichter als zu anderen. Und ich bin nicht die erste und/oder einzige mit dieser Beobachtung. Und dennoch: Jenseits meiner eigenen Konfession und des Christentums im Allgemeinen wird das Verhältnis zum Volk Israel immer ein sehr spezielles sein – als Deutsche, als Christin.

Die Idee mit dem Freiwilligendienst

Ich habe mir in den Kopf gesetzt es einfach mal zu versuchen. Ich bewerbe mich einfach mal für einen Friedensdienst bei Aktion Sühnezeichen. Der geht ein Jahr. Nun habe ich das in der Gemeinde ein paar Leuten erzählt. Schließlich brauche ich am Ende auch Paten. Erste Umfrage: Ernüchternd. Bislang gibt es nur eine, die das unterstützt. Die andern sind mal mehr, mal weniger skeptisch. Die haben wohl typische FSJ-Einsatzstellen im Kopf. Das ganze dann noch im Ausland zu absolvieren können sie sich kaum vorstellen. „Du weißt doch: Bei der letzten Kinderbibelwoche der eine Vorfall.. Das geht nicht gut, besonders in der Fremde.“ – „Du bist doch schon urplötzlich ausgerastet. Was sollen die von dir denken.“ „Du brauchst doch besonders viel Ruhe. Die wirst du dort nicht haben. Du überforderst dich.“ „Du kommst mit dem Fremden bestimmt nicht so gut zurecht. Am Ende bist du hilflos irgendwo im Ausland gestrandet.“ „Wer weiß, was da alles passieren kann. Kommst du mit Situation x zurecht? Oder mit Situation y?“ „Da kennst du doch niemanden. Wie willst du denn mit den vielen fremden Leuten zurecht kommen?“ „Was ist mit der anderen Kultur? Mit den fremden
Gepflogenheiten? Da eckst du doch nur an.“ „Du kannst nicht immer nur am Gruppenleiter kleben.“ Wenn die sich vorstellen könnten, was ich alles schon geschafft habe! Und bei der Kinderbibelwoche spielte auch eine Rolle, dass unsere Gemeindepädagogin und ich uns nicht erst seit kurzem kennen und sie es etwas zu gut meinte. Und das nicht zum ersten Mal. Solche kritischen Situationen entstehen nicht unbedingt von heute auf morgen. Und es ist sehr von der Tagesform abhängig. Bei der Sache mit „am Gruppenleiter kleben“: Bedenken diejenigen dass a) ich älter und reifer geworden bin und b) es sich auf einen Aufenthalt von 48 Stunden bezieht und c) der grundlegende Ablauf bei einem 2. Mal vermutlich so ähnlich sein wird – und ich schon ungefähr weiß, wo es lang geht und d) es sich durch mehr Informationen im Vorfeld hätte vermeiden lassen? Da war die Klassenfahrt nach England besser organisiert. Tschuldige, war aber so!

Außerdem gibt es wesentlich mehr Einsatzmöglichkeiten als im sozialen Bereich. Es kann genauso gut dazu gehören, den halben Tag im Archiv zu verbringen. Wenn die Leute immer nur vom Schlimmsten ausgehen… Ich lande bestimmt nicht zwangsläufig in der Pampa. Und eine Großstadt besteht auch nicht nur aus dem stets verstopften Zentrum. Am Ende ist es auch eine Frage der Organisation bzw. von deren Funktionieren. Außerdem bewerbe ich mich nicht für einen Kurzeinsatz, sondern für ein volles Jahr. In dieser Zeit kann ich mich schon auf die Bedingungen vor Ort einstellen. Denke mir, dass so ein Kurzeinsatz unter Umständen sogar anstrengender ist im Verhältnis zur Dauer – eben weil er nach maximal 4 Wochen wieder vorbei wäre. Da bin ich ja schon bei der Ankunft hibbelig, weil es bald wieder zurückgeht.

Eine vertraute Umgebung ist ja schön und gut. Wenn ich aber den Eindruck habe, beruflich auf der Stelle zu treten und, dass sich daran bestimmt nichts ändert, wenn ich nicht mal aus meiner kuschligen Kleinstadt raus komme… Da liegt ja gerade das Problem: Ich habe mich hier
eingerichtet, bin träge geworden. Wirklich Interessantes, mit dem ich mich längere Zeit beschäftigen könnte, ist zu oft eine unverhältnismäßig lange Fahrtstrecke entfernt (Wenn die Hinfahrt schon 1,5 h dauert und die Rückfahrt potentiell länger ist, die Veranstaltung aber nur 2 Stunden dauert und auch noch abends stattfindet). So etwas überlege ich mir dann doch eher 2 mal. Es ist die Ahnung von „Da ist noch mehr, nur leider von hier aus schlecht erreichbar.“ Und manches Ausrasten ist ein Hochschrecken aus der vollkommenen Ruhe. Das Problem ist, dass Ereignisse selten sind und genau deshalb jeweils mehr belasten. Mir fehlt auch die Gewöhnung an eine gewisse Belastung. Und mir fehlt das Gefühl, am Ende des Tages hundemüde, aber glücklich ins Bett zu fallen. Vor allem kann ich mich mal wieder für irgendwas begeistern, motivieren, aufraffen. Und bei der Rückkehr habe ich dann das gute Gefühl etwas geleistet zu haben, über mich hinausgewachsen zu sein. Die
Gegenmaßnahmen für die angeblich dagegen sprechenden Punkte kann ich ja alle in die Bewerbung schreiben. Sie bitten sogar darum. Sie wollen schließlich keinen unnötigerweise ausschließen. Am Ende geht es doch – Plätze vorausgesetzt.