Ich und der Kirchentag

Kirchentag

Ich stelle mich darauf ein. Neue Leute kennenlernen garantiert. Es ist schön. Ein Fest des Glaubens. Viele interessante Impulse. Meine sonst mitunter riesigen Hemmungen sind für ein paar Tage wie weggeblasen. Mauern werden eingerissen. Nicht von jetzt auf gleich, aber innerhalb von 1 bis 2 Tagen.

Persönliches Highlight: Einem Juden begegnet sein. Ich war beim Reinkommen aufgeregt. Zum Runterkommen wollte ich den Psalm 23 beten. Mir vielen bloß vier (!) Worte (laut Lutherübersetzung) nicht ein! Mir war das schrecklich peinlich. Aber ich traute mich nicht, einfach zu fragen. Wir haben uns nur gegrüßt. Aber ein Lächeln huschte über sein Gesicht. Sympathischer Mann. Bei einer nächsten Begegnung mit einem Juden wird mir das Ansprechen, Fragen stellen leichter fallen.

Zu einer großen Gemeinschaft gehören, die zusammen feiern. Ich gehörte zu den ehrenamtlichen Helfern. Die hatten alle ein T-Shirt und ein grünes Halstuch. Die Besucher hatten einen Kirchentagsschal und ein Schlüsselband mit Eintrittskarte. Und ich habe auch so ein Schlüsselband. Die Musik ist besonders. Gottesdienst. Zusammen feiern mit vielen Menschen.

Grenzen verlieren ihr trennendes Gewicht, Hemmschwellen sinken, frei sein! Auch das Stichwort einer Predigt: Freiheit!

In Jesus bist du frei. Freiheit bedeutet:

  • nicht auf Hindernisse stoßen
  • keine Angst haben, sich nicht fürchten müssen, mutig sein
  • unbelastet sein, ungehemmt
  • Handlungsfähigkeit
  • sich nichts von anderen vorschreiben lassen müssen
  • sich bewusst für Dinge entscheiden
  • sich eine eigene Meinung bilden und sie vertreten

sich auf neues einlassen können, die Vielfalt der Menschen schätzen
Frei sein! Das alles verbinde ich mit Kirchentag. All das! Frei in Christus – das unterschreibe ich so. Das ist dieses spezielle Kirchentagsfeeling: Ich bin frei, weil Christus mich frei macht.

Nach drei Tagen bin ich zwar geschafft, aber richtig glücklich. Und vom Stadtfest bin ich auch weitgehend verschont geblieben. Wenn Stadtfest und Kirchentag dann wieder so günstig fallen … Auf das Stadtfest kann ich nämlich hervorragend verzichten. Es ist vor allem laut und eine Gelegenheit, Geld auszugeben. Brauche ich nicht. Ein Kirchentag gibt mir so viel mehr – siehe oben.


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Faszination – Werte – Zukunftsfragen

Etwas ist mir in den vergangenen Tagen vermehrt aufgefallen: Dass mich gewisse Menschen faszinieren. Und ich frage mich: Warum? Ein Dreh- und Angelpunkt ist auf jeden Fall der Holocaust. Es geht um Aufarbeitung. Es ist eine menschliche Größe. Die Achtung und der Respekt vor jedem Einzelnen. Es ist ein Dennoch und Trotzdem. Es sind mitunter mutige Menschen, die den Diktaturen der Vergangenheit die Stirn geboten, sich nicht unterkriegen lassen haben. Es sind aber auch Menschen, die aus einer eher miesen Ausgangslage etwas großartiges geleistet haben. Es sind Menschen, die für Versöhnung und Ausgleich stehen. Es sind Menschen, denen ich abkaufe, was sie sagen. Es sind Menschen, die sich für andere engagieren und auch voll und ganz dahinter stehen. Und manchmal ist es auch die Frage des Verstehen-Wollens: Warum wurde ein Mensch zum Monster? Was macht einen Menschen zu dem, was er ist? Was ist die Rolle einer Person in Vergangenheit und Gegenwart im großen Ganzen von Gesellschaft und Politik? Welchen Einfluss hat sie auf andere? Schlimm finde ich, wenn Menschen sich, ihre Herkunft, ihr bisheriges Tun verleugnen. Schlimm finde ich Anpassung um jeden Preis. Ich finde es schöner, wenn jemand immer er selbst geblieben ist.

Dahinter steht aber auch die Frage: Könnte ich das auch? Wie würde ich in einer vergleichbaren Situation handeln? Was sind meine Werte? Welches Risiko bin ich bereit, auf mich zu nehmen? Was möchte ich erreichen – für mich und für andere? Was sind meine Wünsche und Träume? Und: Wie kann ich die Person bleiben, die ich bin? Sich nicht gemein machen. Etwas bewirken. Den Mut aufbringen, anzufangen. Etwas durchziehen gegen Widerstände. Nicht vorne dran und doch wichtig sein. Einen Unterschied machen. Die Welt ein bisschen heller machen. All das wünsche ich mir für mich. Das macht wohl die Faszination aus, wenn ich genau das bei anderen finde.

Was möchte ich erreichen? Wo will ich hin? Das sind eben die Fragen, die mir gerade unter den Nägeln brennen. Ich habe keinen konkreten Plan. Viele Ansatzpunkte, aber keine Idee, wie man das weiterentwickeln kann. Ich interessiere mich für Computer, Politik, Kirche, Glaube, Gesellschaft. Bisherige Ideen:

  • irgendwas mit einem Raspberry Pi (was da konkret? Webseite, Mediacenter, private Cloud? Nur für mich allein finde ich es aber zu wenig.)
  • in eine Partei eintreten (Und dann? Für meine Stadt keine konkrete Idee, für höhere Ebenen noch dazu keinen Mut, vorzupreschen. Vitamin B Mangelware)
  • unsre Kirchkaffeefrau ablösen (zementiert eher die Situation – bin ohne bezahlte Arbeit)
  • ein Instrument lernen (Konkretes Ziel: Hochzeit des Kantors – als Überraschung. Und dann?)
  • nach Leipzig umziehen (bloß schlecht ohne Job) zu meinem Freund (der nur einen Minijob hat – Besseres unrealistisch), heiraten, Kinder
  • Geschichte der Stadt erforschen (Wo fange ich an? Wer könnte helfen?)

Ein Lebenstraum? Ein großes Ziel? Etwas, für das ich mich langfristig engagieren kann? Etwas, bei dem ich irgendwann vom Amt unabhängig bin (aber auch nicht mehr)? Etwas, das der Gesellschaft als Ganzes nützt? Von meinen eigenen Ideen ist leider nichts dabei, auf das alles gleichermaßen zutrifft. Vorschläge willkommen.


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Aufregende Aussichten 

Ein grober Terminplan steht: Diese Woche 2 Chorproben statt einer und jeweils mit Überlänge.  Am Sonntag steht an: Vormittag Patienten im Krankenhaus besingen und nachmittags Traditionelles Mitsing-adventskonzert. Zum Glück mache ich dieses Jahr nicht beim Krippenspiel mit. Das wäre sonst noch ein Termin am 4. Advent.  Aber zu Heiligabend geh ich hin.  Diesmal aus der Sicht der Weisen aus dem Morgenland erzählt. Dann noch plus Chor zur Christvesper. 1. Feiertag: Opa besuchen. 2. Feiertag: Podest aufbauen und diverse andere Vorbereitungen. 3. Feiertag: Großes Konzert. Ich bin schon gespannt, wie das wohl wird. Und die ersten Termine fürs neue Jahr stehen auch schon. Der Kantor hat Recht: “Im Februar wird es ruhiger. ” Ja, wirklich erst im Februar. Und das Reformationsjubiläum wirft seine Schatten voraus. Und ein Besuch bei meinem Freund ist überfällig. Aufregende Aussichten. Das meine ich durchaus zweideutig. Anstrengend und viele tolle und spannende Sachen. 

Plakat Weihnachtskonzert und Flyer zur Konzertreihe Gesungene Reformation

Angst … und Fragen

Angesichts der letzten Tage und Wochen mache ich mir schon so meine Gedanken. Erst das in Orlando, dann in Nizza, dann eine unangenehme Angelegenheit mit meinem Vater, dann Würzburg, jetzt München. Mir ist sehr unheimlich zumute. Plötzlich bete ich öfter als sonst. Es ist auch eine Art Selbsttherapie, ein Weg, damit umzugehen. Was, wenn ich selber in so eine Situation gerate? Was mache ich dann? Ich trauere mit allen Freunden und Angehörigen der Toten. …. (Schweigen
……………………………………)

Was ist in diese Leute gefahren? Was bringt Menschen dazu, andere umzubringen? Ich bitte Gott, er möge solche Leute schleunigst zur Vernunft bringen. … (Schweigen
………………………………………………..)

Dazu die angespannte Lage in der Türkei, Gewalt und Anschläge gefühlt an allen Ecken und Enden der arabischen Welt. Die Zahl der Flüchtlinge ist zwar merklich zurückgegangen. Aber wirklich aufgehört hat die Fluchtbewegung nicht. Noch immer kommen Tausende jeden Monat an. Die Türkei und Russland würde ich mittlerweile als Schein-Demokratien einstufen. Etliche Länder werden von Autokraten regiert.

Armut, Hunger, Klimakatastrophe … AIDS. Es wird viel gestritten. Auf nationaler wie auf Internationale Ebene Masterplan: Fehlanzeige. Lösungen nicht in Sicht. Dazu Parteien, die behaupten Volkes Stimme zu sein. Abgasskandale, Brexit, schrumpfende Wirtschaft, Niedrigzinsen, notleidende Milchbauern. Die Geschichte mit der Ministererlaubnis von Sigmar Gabriel.

Wo führt das alles noch mal hin? Warum häuft es sich gerade in letzter Zeit so?

Man könnte annehmen, dass wir am Ende der Zeiten leben. Doch da ist die Hoffnung: Wenn alles vorüber sein wird, „dann wird Gott die Tränen trocknen … kein Geschrei, kein Leiden und der Tod wird nicht mehr sein.“ (aus der Offenbarung, Kapitel 21) Immerhin. Ohne diese Hoffnung auf ein gutes Ende wäre all das nicht zu ertragen. Dieses gute Ende kann nur Gott schaffen. Darauf vertraue ich. Und wenn es das einzige ist, worauf man seine Hoffnung noch setzen kann – in einer Welt, die aus den Fugen geraten scheint …. (nachdenkliches Schweigen
…………………………………………………………………………………………………………………………….)

Was geht und was nicht

Aus einem für mich eher unangenehmen Anlass frage ich mich doch schon: Was kann ich und was nicht? Wer bestimmt das? Jedenfalls lagen bei dem Konflikt meine Einschätzung und die der anderen Partei gefühlt meilenweit auseinander.

Ich meine, dass ich nicht zu jenen Autisten gehöre, die sich am liebsten in ihrer Wohnung verbarrikadieren würden. Im Gegenteil. Ich bin sogar relativ viel außerhalb der Wohnung. In der Kirchgemeinde gehöre ich schon zu den Aktiven. Es wird auch anerkannt, dass ich viel weiß und auch viel mache. Gern würde ich auch noch mehr übernehmen. Aber: Bin ich wirklich so unflexibel? Würde mich Kinderlärm so sehr ablenken? Bekommt man wirklich nicht im Laufe der Zeit zumindest die häufigsten Unwägbarkeiten mit? Gibt es denn keine Lösungen?

Sicher gibt es Bereiche, wo mir manches schwerer fällt als in anderen. Doch Kirche ist für meine Begriffe ein Kapitel für sich. In diesem Umfeld kann ich meine Grenzen weiter ausdehnen als anderswo. Das gilt für so ziemlich alle Bereiche.

Ich könnte mal einen Kindergottesdienst leiten, Aufgaben bei der Kinderbibelwoche übernehmen. Aber für beides hauptverantwortlich sein würde mich überfordern. Für einen Gemeindeabend würde ich wesentlich mehr Vorbereitungszeit aufwenden als für die Vorbereitung einer Andacht oder eines Gottesdienstes – die letzten beiden Dinge folgen im Normalfall einem immer gleichen Grundaufbau. Ein Gemeindeabend muss je nach Thema anders gestaltet werden. Na gut, beim Gottesdienst müsste ich eine Predigt ausarbeiten. Und trotzdem wäre es „nur“ ein Vortrag, der nicht unbedingt Begleitmaterial braucht.

Ob ich ein Trauergespräch führen könnte – oder (eher positiv) ein Gespräch für eine Taufe oder eine Hochzeit? Dazu das organisatorische Drumherum. Sicher habe ich mittlerweile ein gewisses Reportoire an Verhaltensweisen. Und ich komme damit auch ziemlich weit. Vieles kann ich noch lernen. Doch ob es dasselbe ist wie bei jemandem, dem das einfach so zufliegt? Wie käme ich mit einer Horde Jugendlicher zurecht? Schließlich sind sie nicht immer lieb und brav.

Sicher sind viele Tätigkeiten in der Verwaltung machbar. Zahlungen verbuchen, Anträge stellen, Anträge prüfen, Briefe schreiben, Abrechnungen erstellen, Dinge planen und organisieren, in begrenztem Umfang Kontakt zu Kollegen und Kunden bzw. Klienten. Auf die Dauer würde all das mich aber nicht wirklich fordern, eher langweilen, aber auch Kräfte beanspruchen, die ich gern für Erfüllenderes nutzen würde.

Ein Computerfreak bin ich nicht, auch wenn ich andren gern bei derlei Problemen helfe. Andernfalls wäre ich wohl schon über die Stufe „versierter Anwender“ hinaus. Ich singe in unsrem Kirchenchor. Allerdings schätze ich mich nicht als so musikalisch ein, dass ich davon leben könnte. Nichtsdestotrotz wäre es schön, hin und wieder mal eine Solorolle zu übernehmen. Oder ich lerne noch ein Instrument. Einfach aus Freude an der Musik.

Dann wären noch Dinge, die ich nicht sonderlich gut kann, aber gemacht werden müssen. Bei mir wird es, wenn, dann nur ausnahmsweise wie im Kronensaal glänzen. Bügeln tue ich nur das Nötigste, in erster Linie Blusen (und auch nur dann, wenn es ein feierlicher Anlass ist). Die Anzahl Gerichte, die ich kochen kann ist auch recht überschaubar. Mal abgesehen davon, dass in der Küche kaum Platz zum Kochen ist. Gewisse Behörden könnten ihre Formulare gern behalten. Den Gefallen tun sie mir aber nicht. Mich dann melden, wenn sie mal was bestimmtes angeblich nicht haben.

In puncto Vorstellungsgesprächen hätte ich einen Wunsch: Warum können selbige nicht einfach auf einem Gemeindefest stattfinden? Stattdessen sind sie entweder in einem Büro oder in einem Konferenzraum. Mich da gut zu verkaufen fällt schwer. Da bin ich mehr oder weniger angespannt. Ich rassel mehr oder weniger monoton meinen Lebenslauf runter. Ansonsten haben sie sich nicht wirklich als planbar erwiesen. Sie bestehen aus Einleitung (im Wesentlichen „Hallo“ und „Wie war die Reise?“), Hauptteil und Schluss („Haben Sie noch Fragen?“, wann ich mit einer Rückmeldung rechnen kann, Verabschiedung). Der Hauptteil ist eine einzige Wundertüte. Da kamen „Stellen Sie sich mal vor“, Fragen nach Stärken, Schwächen, wegen eines unbekannten Begriffs, zum Arbeitsgebiet, zum Arbeitgeber, zur Behinderung, wie ich mir einen typischen Arbeitstag vorstelle. Einmal war ein kleiner Test dabei. Was noch weiß ich jetzt nicht. Jedenfalls war jedes Gespräch da anders. Am liebsten wäre mir ein Vorstellungsgespräch aus dem Lehrbuch. Gibt es aber anscheinend nicht Etwas, das bei allen Gesprächen gleich war: Überall saß mindestens jemand von der Mitarbeitervertretung (vulgo „Betriebsrat“) mit im Gespräch. Dazu je nach Größe der Fachvorgesetzte, jemand von der Schwerbehindertenvertretung und/oder eine Gleichstellungsbeauftragte. Bis auf einmal waren es immer drei Personen. Wenigstens etwas, worauf ich mich einstellen kann. Genauso habe ich mittlerweile Übung im quer durch Deutschland Zug fahren. Es gab bislang nur eins, wo ich nicht mit dem Zug gefahren bin. Da aber hatte ich einen Bekannten gebeten mich mit dem Auto zu fahren, weil es hieß, die Lokführer streiken. Was ich nicht mag, aber die Arbeitgeber vermutlich gern machen: Anrufen! Und dann einen Termin für das Vorstellungsgespräch am liebsten gleich übermorgen nennen. Rausgekommen ist bei Vorstellungsgesprächen bis jetzt noch nichts außer Absagen.

Was habt ihr so für Dinge,

  • die ihr gerne macht
  • die euch leicht fallen
  • die euch schwerfallen
  • was ihr überhaupt nicht leiden mögt
  • was ihr nicht hinbekommt, aber irgendwie hinbekommen müsst?

Ich freue mich auf eure Rückmeldung.


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Eine etwas andere Wahrnehmung

Angeregt durch Blogbeiträge auf sinnesstille und autistenbloggen habe ich mal darüber nachgedacht, was ich so an „unüblicher“ Wahrnehmung habe. Da lässt sich einiges aufzählen:

Manche Zahlen sind mit einer Bedeutung aufgeladen. Zu Farben gehören bestimmte Bilder. Genauso bin ich ein Freund von Symbolen: Das Kreuz, der Fisch, das Lamm, Brot und Wein, der Keimling aus dem Baumstumpf, Licht, Feuer … Dahinter wie auch hinter bestimmten Zahlen und Farben verbergen sich für mich ganze Welten. Sie entstehen, wenn ich die Zahl, die Farbe, das Symbol sehe, höre oder lese. Sicher ist einiges davon kulturell beeinflusst. Aber diese einmal entstandenen Verknüpfungen lassen sich nicht mehr auflösen.

Wenn ich etwas als falsch empfinde, spüre ich das körperlich. Bei einer besonders starken Abneigung spüre ich regelrecht einen Stich im Herzen. Genauso kann ich mich am Glück der anderen freuen, dabei fast ekstatisch werden.

Musik kann nicht nur meine Stimmung komplett umkrempeln. Wenn ich mit anderen zusammen singe, fühle ich mich wie aufgelöst (erst letzten Samstag so gewesen beim „Zusammensetzen“ eines getrennt geprobten größeren Chorstückes). Dann macht es mir gar nichts aus, mit anderen dicht an dicht zu stehen (Wohl dasselbe Phänomen: Als die halbe U-Bahn sang, war die „rollende Sardinendose“ gar nicht mehr so schlimm. Im Gegenteil sogar besonders toll.). Bei Konzerten nehme ich regelrecht jeden Ton auf. Es kann passieren, dass mich der Rhythmus ganz durchfährt. Dann muss ich ihm nachgeben und mich entsprechend bewegen (Praktisch, wenn in einem Chorstück viele lange Töne vorkommen. Es erleichtert das Zählen.).

Kirchen haben etwas heiliges an sich. Ich bin dann immer von Ehrfurcht ergriffen. Irgendwie spüre ich dort die Nähe Gottes ganz besonders. Der Raum ist wie erfüllt vom Heiligen Geist. Auch atmet er den Glauben vorangegangener Generationen. Gleichzeitig ist dieses Gefühl der Nähe Gottes nie ganz weg. Es ist so etwas wie eine Grundmelodie meines Lebens. Es versetzt die Grenze des Aushaltbaren, des Leistbaren deutlich herauf, wie ich bei Veranstaltungen der Kirchgemeinde immer wieder feststelle. Beim Abendmahl spüre ich eine fast mystische Verbindung nicht nur zwischen den Anwesenden und mir, sondern auch zwischen diesem Ort und parallelen Abendmahlsfeiern überall. Es durchfährt meinen ganzen Körper.

Und ich liebe bilderreiche Sprache. Da entsteht im Kopf ein Film. Dieser Film im Kopf entsteht aber auch bei Geschichten, Gebeten, Berichten – so ziemlich fast allem, was ich lese oder mir jemand erzählt. Zu den Bildern wiederum regen sich in mir entsprechende Gefühle. Es reicht, dass mir jemand erzählt, wie er von der roten Armee vertrieben wurde, um die Angst der Vertriebenen zu spüren. Es reicht, wenn mir jemand von einem Unfall nur erzählt, um mir den Schmerz vorstellen zu können. Das sind Momente, wo ich um einen Themawechsel bitte, weil ich es nicht mehr aushalte. Andere Zuhörer können die Fortsetzung aber noch ertragen.

In Gedanken fahre ich Muster nach, die mir auffallen. In unsrer Schlosskirche gibt es so viele Muster ineinander. Alles ist symmetrisch und doch wieder nicht ganz genau symmetrisch. Der Stuck, die Malereien atmen die viele Handarbeit, die in ihnen steckt.

Genauso können mich viele Menschen um mich herum erledigen, besonders, wenn sie sich über dies unterhalten. Der Verkehr ist nicht nur laut, sondern auch disharmonisch. Bei einem Stück hatte ich mal gedroht, da nicht mitzumachen, einfach weil die Dissonanzen grauenhaft waren. Aber es gab auch die Fraktion im Chor, die dieses Stück ganz toll fand. Diese Aufführung war zum Glück eine Ausnahme.

Es ist eine ganze Menge, was ich zumindest intensiver wahrnehme – oder anders wahrnehme – oder überhaupt bewusst wahrnehme. Manches zehrt an meinen Kräften, anderes ist eine besondere Kraftquelle. Manchmal komme ich mir vor wie in einer anderen Welt, die sich wie eine Insel im großen Ozean der gesellschaftlichen der Normalität anfühlt. Und doch: Auch wenn es manchmal anstrengend ist, möchte ich all diese Wahrnehmungen um nichts in der Welt missen. Sie prägen mein Denken, Fühlen und Handeln sehr stark. Ohne sie wäre ich wohl nicht dieselbe.

Habt auch ihr besondere Wahrnehmungen? Wie sehr beeinflussen sie euer Leben, Denken, Fühlen und Handeln?


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Was ich habe …

Ich lese ja auch von andren Autisten. Und da denke ich mir oft: Bist du dagegen aber reich! Ja, in gewisser Weise bin ich reich. Allerdings nicht an Geld, sondern an ganz andren Dingen.Dass ich bis zur Handlungsunfähigkeit reizüberflutet bin, ist die Ausnahme. Ich bin von lieben Menschen umgeben, die mich so annehmen wie ich bin. Eine eigne Wohnung hab ich auch, und alles nötige in der Stadt.

Was ich alles an Gruppen,  Kreisen und Ehrenämtern unterbekomme: Chor, 2 Bibelkreise, 1 Frauenkreis, Blättchenausträger, Kinderbibelwoche, Küsterdienste, Kindergottesdienst, wenn was aufzubauen ist… Jetzt nehme ich das Projekt „Lektorenausbildung“ in Angriff, freilich mit dem Ziel, auf den Dörfern Gottesdienste zu halten. Wo das nochmal hinführt? Da bin ich gespannt.

Einen Job hab ich zwar keinen. Aber das stört mich nicht so sehr. Mit Hartz IV komme ich weitgehend aus. Und beschäftigungslos bin ich ebenfalls nicht – siehe oben. Ich unterhalte eine (Fern-)Beziehung. Hier fehlt nur noch, dass wir zusammenziehen können. Wird auch noch irgendwann.

Wenn ich mal alles durchgehe, habe ich viel mehr als so mancher Autist, von dem ich lese. So viele Dinge sind nicjt einfach da. Das gilt sogar für Sozialleistungen. Und trotzdem fühle ich mich versorgt, kann ich mit dem Psalmbeter sprechen:

Der Herr ist mein Hirte.
Mir wird nichts mangeln.
Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zu frischem Wasser.
Er erquicket meine Seele
und führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.
Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück,
denn dein Stecken und Stab trösten mich.
Du deckest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl
und schenkst mir voll ein.
Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang
und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Psalm 23