Die menschliche Neigung zur Konformität

irgendwie schon verrückt.
Dass die Sache mit dem Judentum auch etwas mit Dazugehören zu tun hat, ist mir auch schon aufgefallen. Es geht mir um eine Art Konformität, die mir die Mehrheitsgesellschaft nicht geben kann. Wie viel Prozent der Anziehungskraft des Judentums basiert in meinem Fall darauf, dass der Jude und ich gleichermaßen Außenseiter sind, wir aus Sicht der Gesellschaft gewisse Macken haben? Und welche Rolle spielt, dass die Juden eine Gemeinschaft, eine kulturelle Einheit sind? Und mir Autisten dagegen als eine Ansammlung von Einzelgängern vorkommen, eben weil sie wenig mehr als die Diagnose teilen. Welche Rolle spielt, dass Autismus in der Gesellschaft als Defekt gesehen wird? Wohl, dass ich genau das nicht möchte: Als defekt angesehen werden. Vielleicht auch, weil ich den Eindruck habe, dass ich mit Religion gewisse Bedürfnisse besser begründen kann (wenngleich keine Garantie für Akzeptanz).

Vielleicht dieses chronische Othering unabhängig von der tatsächlichen Ähnlichkeit zur Mehrheitsgesellschaft. Der Andere per Definition, das ich in Sachen Schwerbehinderung und Autismus auch kenne. Dass die Mehrheitsgesellschaft zur Ausgrenzung des wie auch immer gearteten anderen neigt. Andrerseits: Das steckt irgendwie in jedem: Der andere soll so sein wie ich oder der andere entspricht dem wie ich gerne wäre. Aber auch: Wir lernen durch Nachahmung, was ein probates Mittel zur Zielerreichung ist. Wir wünschen Waffengleichheit. Und weil keiner zurückstecken will, dass er kopiert worden ist, dreht sich die Spirale weiter. Und irgendwann muss ein wehrloser Dritter daran glauben. Der Clou ist aber, dass wir alle mittlerweile bestens wissen, wo das alles schlimmstenfalls endet.

In der Tat ist der Treiber oft, gesehen werden, so sein wollen wie eine Mehrheit. Es ist die Sehnsucht nach Gleichheit in der Gesellschaft. Und der Mensch kopiert gerne andere. Wie du mir, so ich dir. Das ist wohl so eine Regel, die wir öfter finden. Und: Angst und Verurteilung sind auch eine Art von Bestätigung, nämlich die, dass ihr Opfernarrativ stimmt. Insofern war die DDR das Paradies: Von oben verordnete Gleichheit. Das blöde ist, dass eine Gemeinschaft umso weniger in sich homogen sein kann je größer sie ist. Der Mensch kann es aber schlecht ertragen, wenn die einzelnen Glieder der Gesellschaft einen gewissen Grad der Ähnlichkeit unterschreiten. Gleichzeitig möchte der Einzelne kein uniformes Mitglied einer Masse sein, eine eigene Persönlichkeit haben und als solche von den anderen anerkannt werden. Gleichzeitig wissen alle in der Theorie, dass eine zu große Gleichheit aller Menschen der Tod der Menschheit ist, also eine gewisse Unterschiedlichkeit der Menschen unabdingbar ist, damit das große Ganze nicht in sich zusammenbricht, die Arbeitsteilung funktioniert. Wie gesagt: Theoretisch. Verflixt aber auch.

Irgendwie jetzt erst recht

Das beschreibt es gut, was ich im Moment fühle: Jetzt erst recht. Für Israel und das Judentum interessiere ich mich schon länger sehr intensiv. Nur hat das mittlerweile eine neue Qualität. Habe ich mich im Frühjahr noch zur Wahl als Kirchälteste gestellt, um eine sinnvolle Aufgabe zu haben, will ich jetzt, wenn möglich, die Kirchgemeinde auf den Kopf – oder, geht es nach mir, vom Kopf auf die Füße – stellen. Noch mag ich meine Kirchgemeinde nicht aufgeben, obwohl sich inzwischen eine Menge Frust angestaut hat. Der Frust ist einer über eine unbewusste traditionell-antijudaistische Attitüde in der Kirchgemeinde. Wie viel der Respekts- und Interessensbekundungen gegenüber Juden oder Israel sind gewissermaßen ein Ablasshandel für die unrühmliche Rolle in der Nazi-Zeit? Noch hoffe ich, dass es Leute in meiner Umgebung gibt, die sich aufrichtig für Israel und das Judentum interessieren. Aufrichtig heißt, dass sie keinen wie auch immer gearteten Balast abstreifen wollen, sondern für die Juden selbstverständlich eine Art geistliche Familienmitglieder darstellen, für die man sich interessiert und einsetzt.

Den Kopf in den Sand stecken (RW) geht so leicht. Es ist leicht, die Tür zuzuschlagen (RW). Es ist hart, die Einstellungen in der sozialen Umgebung zu ändern. Nicht minder hart ist es, wegzuziehen und sich am andern Ort ein neues soziales Umfeld aufzubauen. Vielleicht sogar noch härter. Außerdem fühlt es sich doof an, ansonsten liebenswerte Menschen einfach aufzugeben, nur weil man theologisch nicht (mehr) auf einer Linie ist. Und doch weiß ich, dass ich da eine Minderheitenmeinung vertrete (die einzigen mir bekannten Unterstützer in der Hinsicht: Das Ehepaar aus der Wohnung über mir, die mir auch sonst viel helfen). Am Ende denke ich doch wieder: Aber aufgeben gilt nicht…. Auch weil es hieß: „Wenn du nicht mehr wirklich Christ bist, dann geh doch!“ Sich bequemerweise einfach aus dem Weg zu gehen hat noch niemandem geholfen. Dann wundert ihr euch, dass ihr keine Kandidaten für den
Gemeindekirchenrat findet. Weil der Gemeindekirchenrat bzw. dessen langjährige Mitglieder so träge sind wie ein Ozeandampfer.

Nun gut. Hiermit nehme ich es mit dem Ozeandampfer „Gemeindekirchenrat“ auf!

Veränderung von Routinen

Es gab das erste Halbjahr einen festen Wochenrhythmus, mit dem ich auch alles hinbekommen habe. Mit den Sommerferien sind ein paar Dinge befristet weggebrochen. Da ich direkt nach den Ferien in Israel war, gab es kein gutes wieder anknüpfen. In Israel hatte ich einen ganz anderen Rhythmus mit morgens Tiere versorgen und am Nachmittag auf die Weide. Außerdem hatte ich am Ende deren Wochenrhythmus mit Shabbat statt Sonntag, so dass ich erstmal zum Sonntag Montag gesagt habe. Obendrein war ich die ersten Tage einfach müde. Dazu haben sich ausgerechnet diese Woche die Routinen in der Kirchgemeinde verschoben, weil alle Hauptamtlichen irgendwelche wichtigen Termine außerhalb der Region haben. Nächste Woche ist zum Glück eine einigermaßen gewöhnliche Woche. Unter diesen Umständen muss ich nun versuchen, in die Routinen des ersten Halbjahres wieder rein zu kommen. Ab Oktober kommt noch ein regelmäßiger Termin dazu – und immer mal wieder ein paar an Fristen gebundene Aufgaben. Eine neuerliche Reise nach Israel werde ich erst wieder planen, wenn sich neue Routinen gefestigt haben. Bis dahin werde ich auch wieder das Geld haben. Bis dahin kann aber auch wieder eine größere Veränderung anstehen – und alle momentanen Pläne fallen vorerst aus. Immerhin sind nächstes Jahr keine Wahlen. Dafür ist ein Besuch unsrer Freunde aus Frankreich fällig. Und irgendwann in den nächsten Jahren hat unser Chor Jubiläum. Dieses Jahr war auch schon eins der Jubiläen. Vom üblichen Festkalender ganz abgesehen.

Zurück in Deutschland

Mich hat meine neue Freundin Eden zum Bahnhof gebracht. Zug lief gut. Am Flughafen habe ich erstmal meine Schekel-Scheine umgetauscht. Dann ging ich zur Abflughalle im Terminal 3. Denke mir, dass ich sicherheitshalber am Info-Schalter noch nachfrage, wann und wo genau ich mich anstellen kann. Die Info war niederschmetternd: Nicht im Terminal 3, sondern im Terminal 1. Das hieß einmal durch das ganze Terminal 3 und Shuttle bus, der natürlich überfüllt war. Unter diesen Umständen kam mir die Fahrt ziemlich lang vor. Immerhin war das Terminal 1 dann sehr übersichtlich. Im Grunde lief alles wie auf dem Hinflug. Allerdings finde ich die Wartehalle an den Gates schöner und komfortabler als in Schönefeld. Das Boarding hat sich dummerweise etwas verzögert. Obendrein stand das Flugzeug nicht direkt am Gate. Das hieß nochmal Shuttle zum Flugzeug einmal über das halbe Rollfeld. Eh alle saßen, war der Flug eine halbe Stunde über der Zeit (zu der dann keine weitere Verspätung kam). Der Flug so weit sehr angenehm. In Berlin hat es dann verhältnismäßig lange gedauert, bis endlich das Gepäckband anlief. Ich ahnte, dass der letzte Zug nach Hause weggefahren sein würde, ehe ich am Hauptbahnhof bin. Es war schließlich schon nach halb zehn, als ich da endlich wegkam. Der Zug würde eine Viertelstunde später am Hauptbahnhof wegfahren. Zu knapp. Also habe ich mich für die Nacht auf dem Berliner Hauptbahnhof so gut es geht eingerichtet. Bequem ist etwas anderes. Wirklich ruhig wurde es erst halb zwei. Dann am Morgen klappte alles reibungslos. Es waren kaum Leute unterwegs. Zu Hause angekommen war ich natürlich hundemüde. Aber irgendwas einkaufen musste ich, um wenigstens über das Wochenende etwas zu essen zu haben. Am Samstag Nachmittag habe ich mir dann noch einen großen Cappuccino in einem Café gegönnt. Seitdem bin ich zumindest einigermaßen zurechnungsfähig.

Aber ich weiß nicht recht, was außer Ziegenkäse ich essen soll. Einfach, weil mein Speisezettel die vergangenen Wochen doch sehr anders aussah. Genau dieses köstliche Hummus ist bei uns in der Stadt nicht im Supermarkt zu bekommen. Bei anderen Dingen hält sich hier die Auswahl in Grenzen. Und ich vermisse schrecklich meine Ziegen und den regelmäßigen Tagesablauf: Morgens ausmisten, füttern und Wasser auffüllen. Ab dem späten Nachmittag die Ziegen auf die Weide treiben. Alternativ ab ungefähr Mittag bei anderen Arbeiten helfen oder auch beim Käsen. Dafür ist man in diesem Fall abends derjenige, der die Ziegen in den Stall treibt und das Licht ausmacht. Mit den Mitarbeitern dort habe ich mich angefreundet. Außerdem ist es hier in Deutschland spürbar kälter als in Israel. Dort sind es immer noch um die 30 Grad Celsius. Hier angekommen habe ich etwas gefroren. Und waschen müsste ich.

Ich bin mehr als neugierig, wie lange es dauert, bis wieder alles in alltäglichen Bahnen verläuft. Andrer Punkt: Welche Rolle wird Israel künftig spielen? Vor allem: Bin ich zunächst genug bedient oder ist das Gegenteil der Fall – erst recht Hunger nach mehr?

Der vorausgeahnte Overkill

Ich bin breit und habe nur einen winzigen Ausschnitt von Jerusalem gesehen. Habe es befürchtet.

Es ging schon direkt nach der Ankunft am Busbahnhof los – Großstadtverkehr. Am Mahane Jehuda Markt vorbei. Nächster Punkt mit vielen Leuten und Gerüchen. Den Eingang von meinem Hostel finden.

Das erste Mal durch die engen Gassen der Altstadt bis zum Kotel. An den Eingängen gibt es eine Sicherheitskontrolle wie am Flughafen. Insofern war das kein Problem. Dann bin ich aber vom Ort selbst erledigt. Eine alte Mauer ohne Mörtel, Trennwände zwischen Männern und Frauen, Regale mit Gebetbüchern. An und für sich alles sehr nüchtern. Trotzdem willst du da unwillkürlich beten. Mir jedenfalls ging es so. Der Ort hat etwas spirituell Aufgeladenes an sich. Klar, dass man a) sich leise und ruhig verhält und das Handy ausmacht, um keinen zu stören und b) dort nicht gerade im Mini aufkreuzen sollte, sondern im Zweifel lieber etwas mehr Stoff.

Shabbat-Diner bei einer sehr orthodoxen Familie. Immerhin war der Weg gut zu finden. Der Raum war sehr voll. Mitunter habe ich schon rein akustisch nicht alles verstanden. Von meinem begrenzten Wortschatz in Hebräisch mal ganz abgesehen. Das war Hardcore Socialising. Und das Ganze Samstag Mittag nochmal. Bei dieser Gelegenheit habe ich einen Sohn gefragt, wie viele Geschwister sie sind. Zehn Jungs und fünfzehn Mädchen. Krass. Vormittag war ich nochmal am Kotel. Diesmal auf einem anderen Weg durch die Altstadt. Geruchs- und Menschen-Overkill. Dann möglichst morgens möglichst zeitig zurück.

Nur noch eine Woche…

Wirklich nur noch eine Woche? Freitag und Samstag will ich in Jerusalem verbringen. Wird bestimmt toll, aber auch der totale Overkill allein schon durch den Faktor Großstadt – plus eine Menge Orte, die ich besuchen könnte. Ich werde mich im Wesentlichen auf die Altstadt beschränken und das Shabbat – Essen bei einer mutmaßlich orthodoxen Familie. Da bin ich schon sehr gespannt drauf. Danach habe ich die Rückfahrt zu meiner Farm am Sonntag und nur noch drei volle Tage. Ich muss noch Adressen tauschen. Und eigentlich ist es mir überhaupt nicht recht, dass ich nächsten Donnerstag zurückfliegen muss. Wenn es nach mir ginge, würde ich gerne noch ein bisschen länger bleiben. Und aus „einem bisschen länger“ könnte schleichend erst sehr viel länger und im Extremfall „für immer“ werden. Dumm nur, dass mir das Jobcenter genau das nicht erlaubt, ohne mir die Leistung komplett zu streichen. Was wird dann aus meiner Wohnung. Und ich müsste mich hier dauerhafter einrichten mit Aufenthaltserlaubnis, Meldeadresse und Bankverbindung. Es würde kompliziert, wenn ich von jetzt auf gleich beschließe hier zu bleiben. Hoffentlich wird das geistige Ankommen in Deutschland nicht so holprig. Mich praktisch wieder sehr umgewöhnen müssen. Mal sehen, ob ich so etwas wie Heimweh nach den Leuten hier und den Ziegen habe. Ich halte es für möglich. Ich hoffe, dass mich das Sehnsucht nach Israel und allem Jüdischen nicht hinterher sogar stärker quält als vorher – idealerweise wäre es weniger. So was blödes. Der Haken an einem Ziel des Aufenthalts hier ist genau das: Eine gewisse Normalität im Umgang mit Juden erreichen bedeutet eben auch Routine, so dass es eine erhebliche Veränderung ist, wenn ich keinen täglichen Kontakt mehr habe. In gewisser Weise habe ich Angst vor nächste Woche Donnerstag…

Kontakte

An Freiwilligen bin im Moment nur noch ich da. Die anderen beiden sind vor dem Wochenende abgereist. Eine Neue hielt eben gerade dieses durch und ist auch schon wieder weg.

Auf der einen Seite hat das regelmäßiges Socialising bedeutet. Andrerseits mochte ich die beiden vom Anfang auch. Jetzt ist es ruhiger, zu einem gewissen Grad aber auch einsamer. Nichtsdestotrotz sind inmer noch die Leute von der Farm hier. Über mangelnde Erholung kann ich jedenfalls nicht klagen. Die Arbeit auf der Farm findet schließlich in der Regel morgens und abends statt. Nicht am frühen Nachmittag, wenn es am heißesten ist. Apropos heiß: 31 bis 34 Grad Tageshöchstwerte. Wenn es in der Nacht 20 Grad werden, ist das kühl. Das heißt, dass es nicht wirklich ernsthaft abkühlt auf gut schlaftaugliche Temperaturen.

Von den Leuten hier mag ich fast alle bis auf eine. Die ist so fürchterlich nun auch wieder nicht. Mir ist sie zumindest unsympathisch. Immerhin sehe ich sie nicht ständig. Mit anderen könnte ich mich länger unterhalten als die Zeit hergibt. Von den Nachbarn sehe ich nicht so viel.

Mich wundert hier, dass überhaupt ein paar Mal am Tag jedes Dorf angefahren wird – auch in den Schulferien. Ich kenne um meine Heimatstadt Dörfer, wo außerhalb der Schulzeiten gar kein Bus fährt. Eine Sache ist hier dafür rigoros: Mit Ausnahme der größten Städte fährt am Shabbat (also Samstag) gar kein Bus oder Zug. Und selbst wenn am Shabbat ein Bus fährt: Das Angebot ist arg überschaubar. Bei mir zu Hause fahren am Wochenende dagegen vergleichsweise viele Busse, im Kreis so viele an einem Samstag wie vermutlich in ganz Israel am Shabbat.

Will ich in der Erholungszeit in die Stadt fahren, ist die Erholung dahin. Immerhin scheint der Bus hier ähnlich viel zu kosten wie bei uns. Dafür ergeben sich manchmal tolle Bekanntschaften. Etwa, wenn sich herausstellt, dass mein Gesprächspartner mehr oder weniger gut Deutsch spricht. Oder: Oh, from Germany? Tell me something… Mit der einen von der Farm hier werde ich Adressen und Telefonnummern tauschen.